
"Der mentale Aspekt macht bis zu 90 Prozent aus"
David Belitski mit seinen Schützlingen Jonas Stettmer, Timo Pielmeier und Jochen Reimer (v.l.n.r.).
Mitwoch-Mittag. Das Abschlusstraining vor dem Derby in Augsburg ist gerade beendet. Torwarttrainer David Belitski kommt als Letzter vom Eis. Nach einem langen Gespräch mit Jochen Reimer und einigen Extraübungen mit Jonas Stettmer geht es schnurstracks in die Trainerkabine, um den Coaches etwas zu zeigen, dass der 42-Jährige bei seiner Ankunft am Montag extra über den großen Teich schleppte: Eine spezielle Kamera inklusive Stativ, mit der er jede kleinste Bewegung und Position der Torhüter analysieren kann.
"Damit kann ich den Goalies spezifische Dinge zeigen, die sie während des Trainings machen. Auch als erfahrener Torhüter ist es gut, sich mal in Trainings- und nicht nur in Spielsituationen zu sehen", erklärt Belitski. "Wir werden das Rad nicht ganz neu erfinden, aber wenn sie sich damit gute Gewohnheiten aneignen und sehen, auf was sie achten müssen und was gut läuft, dann wissen sie, woran sie arbeiten müssen. Das Videocoaching hat da schon einen enorm großen Mehrwert."
Den Schwerpunkt in den Trainingseinheiten setzt der ehemalige Profi-Torhüter dabei ganz unterschiedlich. "Manchmal legen wir den Fokus darauf, den Puck möglichst gut im Auge zu behalten und ihn perfekt zu verfolgen. Manchmal will man, dass sich die Jungs in ihren Bewegungen und den technischen Aspekten wohlfühlen. Aber genauso bauen wir auch immer wieder Übungen ein, in denen sie herausgefordert werden. Schließlich bin ich nicht nur dazu da, um den Jungs zuzuhören und mit ihnen zu sprechen, sondern auch um dort anzusetzen, was wir verbessern wollen."
Seit über zehn Jahren ist der Kanadier nun schon als professioneller Torwarttrainer in der ganzen Welt unterwegs. Einer seiner ersten Schützlinge in Deutschland war vor knapp einem Jahrzehnt Dennis Endras in Augsburg. An der Seite von Larry Mitchell - damals Trainer beim AEV - half er mit, den jungen, aufstrebenden Torhüter zum Nationalspieler und besten Torwart der Heim-WM 2010 zu formen. Auch damals kam er in regelmäßigen Abständen nach "Good Old Germany" und coachte ansonsten von Kanada aus. Dementsprechend viele Hände konnte Belitski bei seiner Rückkehr ins Curt-Frenzel-Stadion gester Abend schütteln. Und was er dort von seinem neuen Schützling Timo Pielmeier auf dem Eis sah, dürfte ihm gefallen haben. Eine gute Leistung mit einer Fangquote von 94,3 Prozent und drei Punkte für den ERC.
Um das Potential von Pielmeier und Jochen Reimer voll auszuschöpfen gehört allerdings viel mehr dazu als Videocoaching und die Arbeit auf dem Eis. "Wenn man es bis auf dieses Level geschafft hat, kommt es wahrscheinlich zu 80 bis 90 Prozent auf das Mentale an. Sich gut zu fühlen, in eine Routine zu kommen und mit Selbstvertrauen zu spielen", erklärt der ehemalige AHL-Goalie. "Jeder Torhüter ist hier auf absolutem Top-Level. Da geht es nicht darum, an den Basics zu arbeiten. Es geht darum, die Erwartungen an sich selbst und von der Außenwelt zu managen und ihnen zu helfen, sich gut zu fühlen sowie ihr Selbstvertrauen durch die Höhen und Tiefen einer Saison zu behalten. Miteinander zu sprechen und ein offenes Ohr für die Jungs zu haben, geht Hand in Hand mit dem Video- und Eistraining."
Das klappt auch während der Zeit, in der Belitski nicht in Ingolstadt ist und sich aus seiner kanadischen Heimat um die Torhüter der Panther kümmert. Dort betreibt er mit "Belitski Elite Goaltending" seine eigene Torhüter-Schule.
"Wir haben zwei sehr erfahrene Goalies - oder wie wir in Nordamerika sagen - Veteranen, die genau wissen, was bei ihnen funktioniert und was nicht. Sie sind da sehr verantwortungsvoll. Das macht es natürlich einfacher. Ich stelle den Jungs Übungen für ihr Training zusammen und zusätzlich arbeiten wir viel mit Videos. Timmy (Co-Trainer Tim Regan; Anm.d. Autors) schickt mir Clips, die ich sichte, zusammenschneide und zurückschicke. Im offenen Gespräch mit den Goalies können wir dann analysieren, wie sie sich entwickelt haben und auf was wir den Fokus legen müssen."
"Wir hatten als Team natürlich einen holprigen Start. Im Spiel entwickeln sich viele Situationen, die als Außenstehender nur sehr schwer oder gar nicht zu erkennen sind. Ob das eine versperrte Sicht für einen Bruchteil einer Sekunde ist oder einfach nur mal Pech. Als Torhüter da jemanden zu haben, der das Gleiche erlebt hat, mit dem man über diese Situationen sprechen kann, ist wichtig. Aus Torhüter-Perspektive ist Timo jetzt richtig auf Kurs und ich denke definitiv, dass wir eines der besten Goalie-Tandems der Liga haben", meint "Blitz", wie Mitchell Belitski nennt.
Von dessen Arbeit kann auch das gesamte Trainerteam profitieren. "Es ist gut, quasi einen Puffer zwischen den Torhütern und den Trainern zu haben, der den Coaches auch mal Dinge aus der Goalie-Perspektive erklären und aus dieser heraus Denkanstöße geben kann, was man auf dem Eis - ob das Überzahl, Unterzahl oder Fünf-gegen-Fünf ist - vielleicht anders machen kann."
Gelingt das, profitieren von Belitskis Arbeit nicht nur die Torhüter, sondern das gesamte Team. "Der Schlüssel ist, ein vertrauenvolles Verhältnis mit den Torhütern und den Coaches aufzubauen. Solange wir die Erwartungen und Persönlichkeiten gut managen sowie auf dem Top-Level bleiben können und die Jungs sich mit mir wohlfühlen, sind alle zufrieden."
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